All die Vitamine in Cola

Montagmorgen sind Ronja und ich endlich wieder in La Paz angekommen, nachdem unsere Abfahrt aus Santa Cruz einige Male verschoben wurden, die Busse hatten schlicht kein Interesse daran die fast 20 stündige Busfahrt auf sich zu nehmen… Irgendwie verständlich.

Sonntagmittag hat sich dann aber doch ein Busfahrer dazu bereit erklärt seinen Job zu machen (yeah). Da die Mentorin von der WG in Santa Cruz unsere Tickets reserviert hatte, fanden wir uns in einem Bus wieder, der noch luxuriöser war als alle vorherigen. Meint: Sitze, die man komplett in die Waagerechte legen kann, inklusive Fußteil, eine betretbare Bordtoilette, kleine Bildschirme für jeden Sitz, so viel Abstand zwischen den Sitzen, dass ein zurückgelehnter Vordermann den eigenen Fußraum nicht erobern kann und WLAN (wenn das denn nun auch funktioniert hätte…). Jedenfalls ließ sich die Fahrt so sehr gut überstehen, trotzdem war ich sehr froh, als ich endlich unser Hoftor aufschließen konnte, denn schnarchende Mitreisende kann wohl auch ein Luxusbus nicht vermeiden…

Eigentlich wollte ich Montag direkt arbeiten gehen, aber als die Profesoras hörten, das ich an diesem Morgen erst ankommen würde, wurde mir natürlich ein ausgiebiger Descanso verschrieben… So viel, wie ich mich hier ausruhen soll, habe ich vermutlich in meinem ganzen Leben noch nicht geruht. Entgegen der Verordnung ging es dann eben in die Stadt und auf den Markt, um den Kühlschrank wieder aufzufüllen und Weihnachtsbesorgungen zu tätigen.

Das Erste, was ich am Dienstag im Hogar gesagt bekam „Ab Freitag kommen die Kinder nicht mehr.“ Toll… Jetzt bin ich endlich mal da und dann sind die Kids weg?! Naja, ich habe mich dann dazu entschlossen die letzten Tage vor den großen Ferien nochmal richtig zu genießen und fand die Kids in dieser Woche noch goldiger als sowieso schon.

Was dabei ein wenig in die Quere kam, waren die ständigen Besuche von irgendwelchen Schulen und Vereinen, die so kurz vor Weihnachten bemerkt hatten, dass sie noch ihren good deed zu erfüllen hatten und deshalb wie im Zoo durchs Centro Danielita geführt wurden, mit gezückten Kameras und am Ende alle irgendwelche Naschereinen für die Kinder dabei hatten. Meiner Meinung nach ein eher unangevrachter Auftritt, aber die Profesoras sind eben sehr stolz auf ihre Arbeit und freuen sich, wenn Interesse daran gezeigt wird. Das größere Problem waren eher die Süßigkeiten, da viele der Kids (gerade die hyperaktiven Kinder) durch den Zuckerzuschuss den Rest des Tages kaum zu bändigen waren… Hatte ich erwähnt das jeden Tag mindestens 2 Besuchergruppen da waren?? HORROR

Zu allem Überfluss waren die Mitarbeiter generell schon die ganze Woche im Stress, da der Hogar am Sonntag an der Fería 16 in El Alto teilnehmen würde und dafür noch sämtliche Projekte abgeschlossen, Tänze geprobt und Kisten gepackt werden mussten. Da hat selbst der Bolivianer sein Arbeitstempo mal ein wenig angehoben. Trotzdem musste ich wie die meisten anderen auch am Samstag zuhause noch einige Dinge abschließen, weil die Kalkulation zwischen Ziel, Arbeitsaufwand, Arbeitstempo und Deadline wie alles was Planung angeht wohl eher etwas extrem optimistisch genommen wurde. War aber ok, Samstag hat es den ganzen Tag geschüttet, da wäre rausgehen sowieso eine eher unangenehme Alternative gewesen.

Abends hatte sich die Wolkendecke zum Glück mal etwas gelichtet, sodass wir uns mit zwei Freiwilligen aus der Nähe von Sucre treffen konnten, die auf der Durchreise in den Urwald einen Stopp in La Paz eingelegt hatten. Es war ein toller Abend und wirklich Interessant die vergangenen Wochen mal aus der Perspektive von Einsatzstellen im Dorf und 4 Minuten Arbeitsweg (zu Fuß) zu hören. Im Gegensatz zu uns mussten sie nämlich trotz Streik arbeiten, dafür aber ein paar Wochen auf frische Lebensmittel verzichten, die schlicht nicht mehr geliefert wurden.

Sonntagmorgen, 6:18 Uhr. Mein Wecker weckt mich mit „Naturgeräuschen“. Es ist schon hell, eine sehr weise Vergangenheits-Lena hat schon die Klamotten rausgelegt und die Tasche gepackt. Es kommt sogar einige Sonnenstrahlen durch die Wolken am Himmel. Was kann man sich schöneres vorstellen?

So einiges, würde ich sagen… (Tim, I dare you, 36 please). Um 6:35 Uhr sitze ich im Bus und stehe (natürlich als einzige pünktlich) um 7:45 Uhr vor dem Gelände der Kirchengemeinde Natividad, wo der Hogar untergebracht ist. Als dann auch die anderen nach und nach eintrudeln, wird das gesamte Zeug, was freitags schon bereitgestellt wurde verladen (Basteleien, Tische, Stühle, Pavillons, Kuscheltiere, Puzzle, …). Man bekommt fast den Eindruck der Hogar sucht sich eine neue Bleibe.

Überraschenderweise sind auch die Transportwagen nicht wirklich pünktlich, weswegen wir mit dem gesamten Zeug auf der Straße warten… Descanso, natürlich, was sonst? Und dann kommt diese Frau vorbei. „Batido, batiiiiidoooo“. Da wir ja gerade erschöpft vom Tragen der Kinderstühle sind (die sind immerhin so schwer, dass selbst Mishel, die kleinste in meinem Kurs, drei davon gleichzeitig tragen kann), MÜSSEN wir offensichtlich mit diesem „Batiiidooo“ Kraft tanken. Auch als ich ablehne, weil ich sehe, wie die Frau anfängt einen weißen Schleim in die Gläser zu schmieren, ist das keine Option, weil „das gibt dir viel Energie, viele Vitamine!“ Kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, während ich zuschaue, wie Coca Cola auf den weißen Schleim geschüttet wird… Auch das Argument, dass ich keinen Hunger habe zählt nicht, dieses Zeug wäre schließlich nicht für Hunger, sondern für Energie… Die hane ich zwar meiner Meinung nach auch noch, aber da habe ich schon ein Glas in der Hand. Zuerst probiere ich den Schleim. „Du musst umrühren, guck, so“, wird mir sofort eingetrichtert, ich komme derweil zum Schluss, dass der Schleim Eischnee ist. Dann rühre ich eben um und koste meine ENERGIE. Schmecken tuts nicht wirklich, halt so, als ob man Eischnee, viel Zucker und Cola gemischt hätte, die Konsistenz ist schmierig und irgendwie fühle ich auch keinen Energieschub. Vielleicht braucht der Cola-Ei-Mix ja etwas länger oder eine größere Menge, um durch crazy chemische Reaktionen Energie und Vitamine erzeugen zu können. Ich zweifel zwar daran, aber ich war keine Leuchte in Chemie, also nichts ist unmöglich. Womit ich allerdings fest rechne, sind Magenprobleme im Verlauf des Tages. Die bleiben azum Glück aus, der versprochene Energieschub allerdings auch… Überraschend.

Fería, 6 Pavillons bauen wir auf und schmücken Sie mit sämtlichen Kreationen der Kids, die übers letzte Jahr entstanden sind. Zusätzlich stehen überall Spendendosen, es werden Kalender, Kekse und Tombolalose verkauft, um fürs nächste Jahr vorzusorgen. Mitten im Geschehen der Fería 16 de Julio, die jeden Donnerstag und Sonntag in El Alto stattfindet, kommen viele Menschen vorbei und zeigen sich überraschend interessiert an unserer Arbeit.

Dieser Zoo ist eine der Arbeiten unserer Größten.

Während der Tanzauftritte schauen viele Leute zu und niemanden stört es, dass die Schritte nicht so 100%ig sitzen. (Ehrlich gesagt gibt es gar kwine Schritte) Dafür gibt es aber viele Lacher, viel Applaus und Jubel. Insgesamt herrscht eine tolle Stimmung.

Nach einem ganzen Tag in der knallen Sonne bin ich jetzt ganz schön fertig und auch ganz schon verbrannt, aber super happy, dass ich Teil von dem Ganzen sein durfte. Sobald ich das Video von dem Tanz „meiner“ Kids habe, werde ich es nachliefern, war während dem Tanzen etwas schwierig zu filmen 😉

Nun liegt eine Woche Aufräumarbeit im Hogar vor mir, am kommenden Samstag dann eine Art Zeugnisübergabe in feierlich und dann kann ich schon ganz bald meinen Eltern das Land zeigen, was mir bereits so ans Herz gewachsen ist.

Good times are going to come, I mean, in La Paz gibt es sogar Weihnachtsdeko, was nicht alle Städte hier von sich behaupten können.

Veröffentlicht von lalenalapaz

Hi ich bin Lena, 18 Jahre und aktuell in Bolivien, wo ich ein FSJ in einem Kinderhort in La Paz mache. Außerdem versuche ich mir so viel wie möglich anzuschauen. Follow me around!!!

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1 Kommentar

  1. Hey Lena, danke für die ausführlichen Berichterstattung deiner Erlebnisse!
    Renate und ich waren heute mit dem RMV-Bus in Gießen und haben uns für 2020 das Seniorenticket-Hessen bestellt.
    Damit wollen wir im neuen Jahr das Hessenland bereisen. Mal schaun, ob es dabei ähnliche Erlebnisse gibt wie bei dir im Bolivianischen Personentransport 😊
    Gruß
    Günther
    PS Ich hätte den „Schleim“ nicht getrunken.

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