Post-Odyssee

Diese Geschichte heute ist für alle, die sich schonmal schrecklich über deutsche Behörden aufgeregt haben, sich beschwert haben, dass der Postbote ihr Paket in den, dafür viel zu kleinen, Postkasten geknubbelt hat oder diejenigen, die einfach schadenfroh sind und gerne Leidensgeschichten anderer hören…

Meine Geschichte beginnt am 9.9. (ja, ich meine tatsächlich September, vor mittlerweile fast 5 Monaten) mit der Nachricht meiner Mutter:

„schick mir doch mal deine Adresse, ich versuche mal, über amazon Merino Unterwäsche für dich zu bestellen, damit du nicht mehr so frieren musst!“

Soweit eine gute Idee, zu der Zeit war es hier wirklich noch ziemlich kalt und ich kam regelmäßig ohne Gefühl in den gefrorenen Füßen nach Hause. Da war die Idee noch, die Bestellung direkt zu mir schicken zu lassen. Oh Mama, was haben wir da noch naiv gedacht…

Es stellte sich heraus, dass Bolivien bei Amazon nicht einmal gelistet ist. Die nächste Idee war eine andere Website, die angeblich nach Bolivien lieferte. Diese Seite wollte aber eine Postleitzahl in der Adresse. So einen Schnick-schnack haben bolivianische Städte allerdings nicht, wäre ja auch zu einfach.

Also umdenken. Jetzt wurde nach Hause in Deutschland bestellt und sollte von dort per DHL-Express weiter nach Bolivien geschifft werden. In einer Woche hieß es, würde das Paket da sein.

Naja, auf der Post haben sie Mama dann gesagt, dass sie für das Paket noch eine Zollinhaltserklärung auf spanisch schreiben muss. Lustige Ideen haben diese Postbeamten…

Naja, nun sollte sich mein Päckchen aber tatsächlich auf den Weg machen, die Reisedauer hatte sich auf zwei Wochen ausgeweitet, mittlerweile haben wir den 16.9.

Zwei Tage nachdem das Paket seine Reise antrat, stand auch für mich eine Reise an. Meine erste Lentes-Kampagne, wegen der ich die nächsten 4 Wochen nicht zuhause sein würde. Da haben das Paket und ich uns wohl knapp verpasst.

Zurück kam ich pünktlich zur Wahl und damit direkt ins Chaos, in dem wir kaum arbeiten gehen konnten. Am 30.10. war allerdings ein ruhigerer Tag. Ich hatte es in den Hogar geschafft und bekam dort die Nachricht meiner Mitbewohner Lisa und Ronja, dass sie zur Post gehen würden. „Bringt ihr mir was mit?“, habe ich damals noch gutgläubig gefragt. „Klar“, kam als genauso gutgläubige Antwort zurück…

Dann „die behaupten, dass da kein Paket für dich angekommen ist.“ Ich habe ihnen dann die Tracking-Nummer geschickt und plötzlich hatte die Frau doch etwas in ihrem Lager gefunden. Allerdings:

„Die wollen mir dein Päckchen nicht geben ohne eine ausgedruckte Kopie von deinem pass und eine Einverständniserklärung.“ Super, ich saß in El Alto, bis ich da sein könnte, hätte die Post geschlossen, denn sie haben nur während meinen Arbeitszeiten auf. Meinen Pass hatte ich den beiden mitgegeben, denn dass sie ohne ihn nicht weiterkommen würden, war von vornherein klar. Lisa beschloss selbst loszugehen, um eine Kopie zu machen und meine Einverständnis darauf zu fälschen. Ich habe es ihr aber auch erlaubt.

Damit haben sie sich verarschen lassen. Für 57 Bolis und Ronjas Pass (!!!) durften die beiden mein Paket aus der bolivianischen Post herausholen, mussten es von dort aber direkt zum Zoll bringen. Dort wurde das Paket geöffnet und Lisa musste ebenfalls eine Zollinhaltserklärung auf spanisch schreiben. Nicht, dass da ja schon eine drin war…

Die Liste ergab für den bolivianischen Zoll einen Paketwert von 200€. Bei so hohem Warenwert sollte ich nun 35% des Wertes nochmal an den Zoll bezahlen, also 70€. Zollgebühr. Tolle Idee… Diese Gebühr durften Lisa und Ronja aber ohne vom Notar bescheinigte Einverständnis nicht zahlen, dafür musste ich selbst antanzen. Wie gesagt, meine Arbeitszeiten sind quasi deckungsgleich mit denen der Post.

Dafür haben sie den beiden noch Zettel für eine Online-Registrierung mitbekommen, die ich unbedingt machen musste. Außerdem durfte Ronja ihren Pass aufgrund der Tatsache, dass das Paket beim Zoll angekommen war, wiederhaben. Nett.

Die Online-Registrierung war dann so ziemlich dass unübersichtlichste, was ich bisher auf einer Seite im Internet machen musste. Und ich gehöre in die Generation Internet!

In den folgenden Tagen bin ich immer wenn ich konnte bei der Post vorbei. Diese hatte allerdings ausnahmslos geschlossen. Außer einmal, da hat die Post offen, der Zoll kann aber nicht arbeiten, weil das System abgestürzt ist.

15.11.: Die Postbeamten haben sich zur Arbeit durchringen können! Das Geld, dass ich bezahlen soll, kann man natürlich nicht in der Post bezahlen, die sind ja kein Büro. Die Frau stöbert mal wieder durch das gesamte Paket und schreibt eine Liste, was alles verzollt werden muss. Dann gibt sie uns eine Adresse, wo wir zum bezahlen hinsollen.

Diese Adresse kennt allerdings niemand den wir fragen, bei der notierten Telefonnummer geht niemand ran, wir laufen etwa eine Stunde durch die Gegend, bis wir mehr aus Zufall als durch Hilfe des Zetteln das SENASAG finden. Die Frau hatte zwar gesamt es wäre eine Bank und kein Amt, aber das kann man ja mal verwechseln…

Wir zeigen der Frau an der Rezeption den Namen des Mannes, den wir suchen sollen. „Der arbeitet heute nicht“, sagt die Frau… Irgendwie steht dieses Paket unter einem schlechten Stern. Wir finden einen Mann, der behauptet, er wüsste, was zu tun sei. Unfassbar langsam tippt der Typ meine Daten in seinen Computer ein und druckt nach einer halben Stunde einen Zettel aus. Damit sollen wir zu einer Bank, damit ich da die Überweisung machen kann. Auf einmal handelt es sich nur noch um 10 Bolis (etwas mehr als ein Euro…)

Die Bank ist überraschend einfach zu finden, allerdings stehen davor etwa 100 Menschen in einer Schlange, aus irgendeinem Grund ist das bei den Banken hier häufiger der Fall, da aber zu dieser Zeit Paro Cívico in Bolivien war, haben viele Menschen panisch ihr gesamtes Geld abgehoben, was den Andrang etwas erklärt.

Nicht bereit uns anzustellen, gehen wir erstmal Kuchen essen, immerhin habe ich für die Überweisung fünf Tage Zeit. Im Café werde ich angerufen, die Post. Sie haben vergessen dem Amt einen weiteren Betrag zuzuschicken, den ich ebenfalls bezahlen muss. 80 Bolis. Meiner Meinung nach fehlt hier zu den angekündigten 70€ noch etwas, aber besser in diese Richtung als in die andere.

Später kommen Demonstrationen die Straße herunter, die Banken schließen, bevor die Demonstranten dort einfallen. Schade. In den nächsten Tagen öffnen sie wegen Gefahr auch nicht mehr.

An Tag 3 meiner Zahlfrist wegen wir aus La Paz evakuiert und verbringen die nächsten zwei Wochen in Santa Cruz.

Nachdem wir zurück sind suche ich erneut das SENASAG auf. Mittagspause. Also schlage ich die halbe Stunde tot, bis sie wieder regulär arbeiten. Die Abteilung, zu der ich muss, hat heute allerdings gar nicht geöffnet. Auch zwei weitere Male stehe ich vor geschlossenen Türen.

9.12.: Ich wage einen hoffnungslosen Versuch direkt bei der Post und frage noch einmal nach, ob es keine andere Möglichkeit gibt. Die Zollbeamten machen mich grob an, ich sei nur zu dumm um das System zu verstehen und müsse ja nur zur SENASAG. Auf meine Aussage, dass sie dort aber nie arbeiten würden, wurde ich ausgelacht.

Genervt, frustriert und mit neuer Strategie fange ich an zu weinen und erkläre der Zollbeamten, dass in meinem Paket Vitamine sind, die ich dringend brauche. Ich stelle es beinahe so das, als würde ich ohne das Vitamin B-12 morgen einfach tot umfallen. Aber auch das lässt diese Menschen kalt. Auf meine Frage, ob ich dann wenigstens die Produkte haben kann, die nicht verzollt werden müssen, werde ich wieder für dumm verkauft. Das war zu viel!

Ich werde wütend und versuche immernoch unter Tränen den Zöllnern zu erklären, dass sie das Paket dann doch einfach wegwerfen sollen und mich sterben lassen und stürme aus dem Büro.

Das Paket habe ich aufgegeben, mittlerweile ist es sowieso wärmer…

29.01.: Irgendwas motiviert mich noch einmal das SENASAG aufzusuchen, ich habe nur den halben Tag arbeiten müssen und habe Zeit. Als ich ankomme: Mittagspause. Was hatte ich eigentlich erwartet… Nach einer Viertelstunde öffnete allerdings die Tür und ich stand als Nummer zwei in der Schlange. Vor mir eine Cholita, die sehr langsam von Begriff war. Nach zwanzig Minuten Begriff der zweite Mitarbeiter des Büros, dass er auch arbeiten konnte und winkte mich zu sich.

Ich gab ihm den Zettel den ich im November schon einmal bekommen hatte und er begann zu tippen. Langsam, sehr langsam… Als er fertig getippt hatte stellte er fest, dass der Drucker des Büros keine Tinte mehr hatte. Also stiefelte er zum Drucken in ein anderen Büro. Wieder zurück erklärte er mir, was ich sonst noch brauche. Dabei stellte er fest, dass ebenfalls ER für diese Papiere zuständig war. Also ging er wieder drucken. In der Zwischenzeit sah ich, dass er meine Passnummer falsch abgetippt hatte und wies ihm bei seiner Rückkehr darauf hin. Es folgte erneut langsames tippen. Dann ging es wieder drucken.

Nach einer Stunde schien es, als ob er alles beisammen hatte. Nun sollte ich zur Bank, einige der Zettel kopieren und am Freitag zur Post kommen. Ich schöpfe langsam Hoffnung, weshalb ich sofort zur Bank weitergehe.

In der Bank ziehe ich eine Nummer. 768. Die Anzeige zeigt 749… Naja, ich habe Zeit. Von 9 Tresen sind 5 besetzt und 3 davon fühlen sich arbeitsfähig. Vielleicht dürfen aber auch immer nur drei gleichzeitig arbeiten, man weiß ja nie…

Nach einiger Zeit bin ich jedenfalls dran und kann ohne Probleme einfach meine 91 Bolis zahlen. Damit hatte ich nicht gerechnet, das war der erste Schritt in diesem ganzen Prozess, der ohne größere Probleme ablief…

31.01.: Ich bin bereit dieses Projekt nun endlich abzuschließen. Voll Hoffnung steige ich am Morgen von meinem freien Tag in den Bus. Ich hab ja endlich alle Papiere. Um kurz vor 10 bin ich an der Post. Wo der Zoll ist weiß ich ja mittlerweile und so maschiere ich direkt ins Büro. „Paket Nummer 3010, ich kann es angeblich heute abholen.“ Ein Mann will meine Papiere sehen. Ich lege ihm fast stolz den ganzen Stapel vor. Er würdigt ihn keines Blickes. „Wo ist das Zertifikat?“ Schlagartig wird mir klar, dass es auch heute nichts werden wird, natürlich finden sie wieder etwas, was fehlt… Ich erkläre dem Mann, dass mir gesagt wurde nun alles zu haben und dass ich nur noch das Paket holen müsste.

„Es ist Freitag, da kommt Frau XY“, sagt die Frau aus der Ecke, die mir bei meinen letzten Besuchen schon so unsympathisch geworden ist, wie es nicht einmal einer meiner Lehrer in 12 Jahren Schule je hat schaffen können…

Um 10 Uhr kommt der Mann, der mir am Mittwoch alle Blätter gedruckt hatte. Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer? Er fragt nach meinem Paket und nun beginnt das große Suchen. 45 Minuten lang schaue ich dem Zöllner, dem SENASAG-Mitarbeiter und einer Putzfrau dabei zu, wie sie das Paketchaos, welches im Büro herrscht durchwühlen, Pakete von A nach B legen, andere Pakete aufreißen, Paketstapel umwerfen und teilweise in die Regale kriechen.

Aber: Kein Paket… Trotzdem suchen sie unaufhaltsam weiter, ein drittes Mal an der selben Stelle. Während dieser Aktion kommen 4 andere Personen, die ihr Paket von der Post zum Zoll bringen, einmal kurz gemeinsam hineingeschaut wird und die dann mit ihrem Paket das Büro verlassen. Sogar der Mann, der auf die Frage, was in seinem Paket ist, lachend antwortet: „Eine Bombe.“ Bomben scheinen das Land weniger zu bedrohen als Tee und Muskatnüsse…

Nach einer dreiviertel Stunde breche ich ab. „Wenn ihr mein Paket verloren habt, dann sagt es einfach, dann ist es so, sind ja nur Vitamine drin, die ich brauche. Vielen Dank auch.“ Dann gehe ich mit der Hoffnung mit dem erneuten Aufbringen der „lebensnotwendigen“ Vitaminen wenigstens ein schlechtes Gewissen bei ihnen zu erzeugen.

Leider neige ich dazu zu weinen, wenn ich sauer bin, weswegen ich die Mitarbeiter nicht anmotzen konnte, wie sie es verdient hatten. Außerdem kenne ich nicht ausreichend spanische Schimofworte… Vermutlich würden mir für diese Menschen nicht mal meine deutschen Kenntnisse reichen.

Hiermit ist meine Paket-Geschichte beendet, ich werde die Post gegen kein Geld der Welt mehr betreten und bleibe ohne meine warmen Sachen.

Die Tatsache, dass in den anderen Städten schon kiloschwere Schokoladen-Pakete von anderen Freiwilligen ohne Probleme abgeholt wurden, bessert meine Stimmung auch nicht.

Da mir diese Geschichte nichts gebracht hat, außer Geld und Nerven gekostet, hoffe ich, dass irgendjemand da draußen vielleicht seinen Nutzen daraus ziehen kann. Wenn ihr euch das Nächste mal über irgendetwas aufregt, denkt einfach an mich und mein Paket, ich bin sicher, dann scheint eure Situation gleich viel angenehmer. 🙂

Ansonsten: Nicht aufgeben, es sei denn, sie haben euer Paket verloren.

Veröffentlicht von lalenalapaz

Hi ich bin Lena, 18 Jahre und aktuell in Bolivien, wo ich ein FSJ in einem Kinderhort in La Paz mache. Außerdem versuche ich mir so viel wie möglich anzuschauen. Follow me around!!!

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