Kiloweise Brot und Zucker

Zwischen den ganzen Aufständen, Demonstrationen und Straßensperrungen fand am Wochenende ein sehr wichtiger Feiertag der mittel- bis südamerikanischen Kultur statt: Todos Santos, besser bekannt unter „Día de los Muertos“ (Tag der Toten). Dieser Tag, an dem die Toten die sterbliche Welt besuchen kommen eigentlich aus Mexiko, hat sich aber auf viele Länder Lateinamerikas ausgebreitet und so verbrachte auch die bolivianische Bevölkerung den 2. November mit „ihren Toten“ und ließ die Empörung über die Wahlergebnisse von vor zwei Wochen zumindest für dieses heilige Wochenende ruhen.

Für mich begannen die Festlichkeiten schon am 31. Oktober im Hort. Ja, ich habe es tatsächlich geschafft dort hin zu kommen, trotz Straßenblockaden… Teleferico sei dank. Die Kinder hatten in ihren Rucksäcken Obst, Blumen, Süßigkeiten, Bilder und vieles mehr mitbekommen, womit wir in vier Gruppen Gabentische für die verstorbenen Familienmitglieder und Freunde aufbauten. Das ganze Brot, welches darauf verteilt wurde, hatten die Educadoras an den vorherigen Tagen zusammen mit den Kindern gebacken, leider ohne mich, da ich keine Möglichkeit hatte, überhaupt in die Nähe von El Alto zu gelangen…

Während dem Aufbau der Tische wurde mir fleißig erklärt wofür die verschiedenen Teile auf dem Tisch da sind: Mit zwei Zuckerrohrstangen wird ein Tor gebildet, durch welches die Toten Zugang zu unserer Welt erlangen und auf denen sie sich während den 24 Stunden (von Mitternacht bis Mitternacht am 2.11.) abstutzen können, da ihre Beine nicht mehr ans Laufen gewohnt sind. Außerdem muss auf jedem Tisch ein Brot in Leiter-Form sein, um den Toten eine Treppe aus dem Jenseits in unsere Welt zu bieten. Auf Tische, die für eine einzelne Person sind, gehört zusätzlich ein Getränk, eine Speise oder irgendetwas, was die jeweilige Person sehr mochte. In jedem Fall aber eine Menge Brot und Süßigkeiten, damit die Geister am Ende des Tages zufrieden wieder ins Jenseits zurückgehen können. Häufig werden Bilder der Verstorbenen aufgestellt oder ihre Namen aufgeschrieben. Auch ich durfte die Namen meiner verstorbenen Großeltern notieren, auch wenn ich glaube, dass sie sich mehr über deutsches Brot als das gezuckerte, mit Ei bestrichene Brot gefreut hätten, aber so haben sie vielleicht auch nach ihrem Tod eine interkulturelle Erfahrung gemacht.

Nachdem die Tische gesegnet und besungen worden waren, war es Zeit mit den Toten zu essen. „Jetzt teilen wir das Essen“, wurde mir gesagt… Ich sollte Essen für mich und eins der Kinder auftun. Von einigen Kindern waren die Mütter anwesend, die jede mit einem Topf irgendwas gekommen waren. Diese Töpfe wurden in der Mitte des Raumes aufgestellt und dann ging das „Teilen“ los. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde hatten sich die sonst so schwerfälligen Frauen in ihren traditionellen Röcken auf den Boden geworfen und schaufelten sich das Essen auf die Teller. Ich, die unter Essen teilen etwas anderes erwartet hatte, stand nun also vor einer Art Mauer bunter Röcke, ohne die geringste Chance auch nur in die Nähe der Nudeln, Kartoffeln, Bananen oder sonst etwas zu kommen… Nach einiger Zeit lichtete sich das Feld. Die Decke auf denen die Töpfe standen, sah aus wie ein Schlachtfeld und ich begann die Reste zusammen zu kratzen. Der Junge, dessen Teller ich hatte füllen sollen, bekam immerhin noch ein Stück Hühchen, ein Ei, Nudeln und eine undefinierbare Fleischsoße. Ich hatte schließlich trockene Nudeln, eine halbe Kochbanane und eine Kartoffel auf dem Teller. Die vegetarische Auswahl war nämlich zusätzlich auch recht beschränkt.

Nach dem Essen begann dann die Halloween Party. Dafür wurden die Kinder geschminkt, bald liefen also etwa 30 kleine Skelette durch den Hort, und dann wurde zwischen den Tischen getanzt. Die Kinder hatten einen riesen Spaß dabei sich gegenseitig und die Erwachsenen zu erschrecken:

Zum Abschied wurden die Gabentische aufgeräumt und alles was sich darauf befand auf die Kinder aufgeteilt. Ich bekam auch eine Tüte. Natürlich wurde vorher bei den Toten um Erlaubnis gebeten, da man sonst Bauchschmerzen von den Lebensmitteln bekommen würde. So hatten wir an diesem Abend bereits für unser Abendessen gesorgt.

Am folgenden Tag hatte ich dann frei, wir waren mal wieder auf dem Hexenmarkt und im Stadtzentrum. An jeder Ecke konnte man Zuckerrohr, „mucho pan“ (viel Brot), Tongesichter, die ins Brot eingebacken werden, Zuckerrohr und und und kaufen. Auch die Familie, bei der wir wohnen, hatte während die Woche Brotteig in Waschwannen angerührt und in einem riesigen Ofen (für den extra ein Loch in die Wand geschlagen wurde, weil er sonst nicht durch die Tür gepasst hätte) gebacken. Die Aufstände der vorigen Wochen schienen beinahe vergessen, nur noch sehr vereinzelt sah man Personen mit Bolivien-Stirnband oder ähnlichem und auch die Straßen wurden nicht mehr blockiert.

Am Tag der Toten sind wir dann auf den Hauptfriedhof von La Paz gefahren. Dort war so viel los, dass wir am Eingang in einer Schlange stehen mussten. Immerhin war vermutlich die ganze Stadt an diesem Tag vor Ort. Vor den Gräbern wurden ebenfalls die Gabentische aufgebaut, es wurde gegessen, gebetet und gesungen. Hierfür liefen kleine Musikgruppen durch die Gänge, mit großen Trommeln, Gitarren, Panflöten und teilweise sogar Mikrophonen und Musikboxen. Außerdem wurden die „Schaufenster“ der Gräber aufgeräumt. Die Gräber sind wie in einem großen Schrank übereinander gestapelt und zu jedem Grab gehört ein Fenster, indem der Name des Toten steht und einiges an Dekoration und Dingen, die dieser gern mochte. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung. Nachdem wir einige Zeit über den Friedhof gelaufen waren, sind wir über einen großen Markt, auf dem man mal wieder ALLES hätte bekommen können nach Hause.

Ich fand es sehr interessant diesen Feiertag, von dem ich besonders im Spanischunterricht schon einiges gehört hatte, mal tatsächlich zu erleben, da ich besonders diesen offenen, fröhlichen Umgang mit dem Tod sehr bewunderns- und erstrebenswert finde. Es wird sich an die verstorbenen Familienmitglieder erinnert und mit ihnen gefeiert, auch wenn die Bevölkerung gerade eigentlich mit Demonstrationen beschäftigt ist, ist diese Tradition wichtiger und lässt einige Tage den Ärger vergessen.

Trotz alledem sind wir heute wieder zurück in der Unzufriedenheit und ich habe mal wieder keine Möglichkeit an die Arbeit zu kommen, da die Busse kaum 500m die Straße runterkommen und die 3 Telefericos in unserer Nähe in ihrer jährlichen Restauration stehen und entsprechend auch nicht fahren.

Veröffentlicht von lalenalapaz

Hi ich bin Lena, 18 Jahre und aktuell in Bolivien, wo ich ein FSJ in einem Kinderhort in La Paz mache. Außerdem versuche ich mir so viel wie möglich anzuschauen. Follow me around!!!

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