Eine (scheinbar) unendliche Geschichte

Angekommen in Santa Cruz. Die Tatsache, dass hier bereits morgens um 8 Uhr knappe 30 Grad herrschen, ließ mich meine Klamottenwahl von Pulli und Jogginghose gründlich anzweifeln. Aber es war doch so bequem für den Bus…

20 Minuten später bin ich zu Fuß im Jodanga angekommen, dem Hostel, in dem wir auch alle gemeinsam die beiden ersten Nächte verbracht haben, wodurch mich alles irgendwie an das Gefühl der ersten Tage, das Unwissen, die Vorfreude und die Unfähigkeit das Toilettenpapier in den Mülleimer zu werfen erinnert hat. Bei einem bescheidenen, aber leckeren Frühstück konnten wir uns untereinander austauschen, was in der jeweiligen WG und im Projekt bisher so passiert war und alle hatten viel zu erzählen. Nach einer Dusche und dem Auspacken wurden wir abgeholt und in die Produktion der „Lentes Al Instante“ (LAI) gebracht. Hier sah ich endlich auch die Mitfreiwilligen aus Santa Cruz wieder, zu denen ich hier auch mal meine eigentliche Mitbewohnerin Lisa zähle, die bisher eine Nacht in La Paz und über einen Monat in Santa Cruz geschlafen hat.

Und dann ging das Seminar los… Nicht unbedingt das spannendste und auch nicht das lehrreichste, viel Wiederhohlung aus Bio der 9. Klasse. Scheinbar unsere erste unendliche Geschichte… Aber dann auch die Drahtbrillen anpassen und die richtige Stärke für die Gläser zu finden. Und: Jeder hat seine eigene One-Dollar-Glasses bekommen! Fesche Dinger kann ich nur sagen.

Morgens war ich laufen, um nicht den ganzen Tag zu sitzen, mittags gab es Essen und zwischendurch etwas Obst gegen Hunger und Langeweile, abends Geld fürs Essen und einen Pool gegen die Hitze und so konnten wir das Seminar doch ganz gut überstehen, sodass wir am Donnerstag (angeblich besser ausgebildet als Ärzte und Krankenschwestern in diesen Bereich) in eine Probe-Kampagne starten.

Beim „Brillenprojekt“ gibt es verschiedene Kampagnen im ganzen Land, aber auch in mehreren Ländern auf der ganzen Welt, bei der Menschen, die wenig Geld haben oder auch einen schlechten Zugang zu einem Augenarzt die Möglichkeit bekommen für wenig Geld (etwa einen Tageslohn) eine Brille bekommen können und so etwas gegen ihre Sehbehinderung tun. Wer genaueres wissen will sollte sich entweder mal den Blog meiner Mitfreiwilligen Celine anschauen (celineinbolivien.wordpress.com) oder „One-Dollar-Glasses“ googlen.

Freitag bin ich dann außerdem umgezogen, da alle anderen Seminarteilnehmer nach der Woche wieder nach Hause gefahren sind, für mich nun aber die erste Kampagne direkt ansteht und sich für das Wochenende zwischendrin die 18-20 stündige Busfahrt nach La Paz und wieder zurück nicht wirklich gelohnt hätte. Daher wurde ich für zwei Nächte in der Santa Cruz WG aufgenommen und direkt auch entertaint.

Aber first things first… Diese WG ist riesig und erscheint durch 1000 Spiegel nur noch größer und der riesige Supermarkt befindet sich direkt vor der Haustür. Ich glaube sie besuchen diesen Markt etwa 3 Mal am Tag und vernichtet dabei 20 Eier, 10 kg Obst und Gemüse und eimerweise Jogurt. Außerdem hat der Gebäudeblock einen Pool, den sie nutzen können, den man bei den Temperaturen aber auch wirklich braucht.

Zu Celinas Freude wurde das Wochenende meines Aufenthaltes als Erlebnis Wochenende auserwählt und so ging es am Samstag zu den „Lomas de Arena“, einer Wüste etwa eine Autostunde außerhalb der Stadt. Ein Taxifahrer, der anscheindend noch nie davon gehört hatte, ließ sich für 80 Bolivianos und einem mit einer Person zu viel besetzten, klapprigen Auto zum Eingang lotsen und fuhr auch brav noch die 4km weiter, bis keine normalen Fahrzeuge mehr zugelassen waren. Er bot uns auch an, uns wieder abzuholen, denn Überraschung: in der Wüste fahren nicht so viele Taxis. Wir bekamen also seine Nummer, eine Uhrzeit und den Hinweis, dass er im Dunkeln nicht mehr über diesen Weg fahren wird. Danke, bei bei Dunkelheit wollten wir auch nicht mehr in der Wüste rumirren…

Umstieg aufs Quad. Hiermit wurden wir direkt vor den ersten Sandhaufen gefahren und nach einer ausgiebigen Fotosession (der Fahrer war zu 100% in seinem vorherigen Leben Starfotograf) dort zurückgelassen. Die nächsten 4h stapften wir also durch die Wüste, die zwar nicht sonderlich groß aber wirklich schön ist, einige kleine Lagunen mit unzähligen Vögeln hat und immer mal wieder an dichten Wald grenzt. Wir haben viele Fotos gemacht, viel Sand abbekommen und uns zwischendrin in einer der Lagunen etwas abgekühlt (nur die Füße, auf Badespaß mitten im Nirgendwo waren wir nicht eingestellt und die Lagune glich auch eher einer größeren Pfütze).

Es waren sogar Flamingos am Start!

Währenddessen hat man die Hitze kaum gemerkt, da es sehr windig war und man eher mit dem gegen die Beine prallenden Sand beschäftigt war… Auf dem Rückweg (diesmal zu Fuß, ohne Quad) schlug die Hitze dann eher zu und die Wasservorräte gingen auch langsam zu neige. Per Quad kam uns der Weg deutlich schöner und kürzer vor, teilweise kamen sogar Zweifel, ob wir richtig liefen. Die nächste scheinbar unendliche Geschichte. Eine Stunde später, aber trotzdem eine zu früh kamen wir am Treffpunkt mit dem Taxifahrer an und ich wurde zur Begrüßung direkt von einem Schwarm Tigermücken angegriffen. Diese kleinen Mistviecher können Dengue übertragen und finden mein Blut scheinbar ausgesprochen gut… (Keine Sorge mir geht es gut, sie KÖNNEN Überträger sein, MÜSSEN aber nicht). Wieder zu Hause wurde sich dann im Pool entsandet. Wir waren alle ziemlich fertig, saßen aber noch recht lang zusammen, denn am nächsten Tag sollte es um vier Uhr mittags auf Kampagne losgehen.

Am nächsten Morgen wurde ausgeschlafen, es sollte ein fauler Tag werden. Am Vormittag ging es in eine Mall, bei der sich das Hard Rock Café befindet (gern geschehen Papa) und ein paar Snacks für die Fahrt bis Camiri einkaufen. Dort sollten wir die beiden anderen Freiwilligen die mit auf Kampagne fahren einsammeln und eine Nacht bei ihnen schlafen, um entspannt das letzte Stück in den Kampagnen Ort Yacuiba zu fahren. Entsprechend waren unsere Sachen gepackt und wir ready-to-go als es kurz vor 16 Uhr hieß, dass noch ein Paket fehlen würde ohne das wir nicht fahren könnten und wir daher erst am nächsten morgen um 7 Uhr losfahren würden. Yeah! Also das Notwendigste wieder ausgepackt, Abkühlung im Pool und noch eine Nacht drangehangen.

Montagmorgen lief dann etwa so ab:

6:37 Uhr, ich stehe auf, ziehe mir etwas an, frühstücke, putze Zähne, packe alles wieder zusammen und warte. 6:54 Uhr, Lisa fragt mich, ob sie wohl noch Zeit hätte ein wenig Melone zu essen. Entscheidung: Ja. 7:06 Uhr, wir beide fertig mit gepackten Rucksäcken, wartend. 7:35 Uhr, Rider (der Kampagnenleiter, der mit in der WG wohnt) verlässt sein Zimmer und steuert die Dusche an. 7:52 Uhr, Rider beginnt sich Eier zu braten. 8:17 Uhr, Rider hat abgespühlt und begibt sich wieder in sein Zimmer. 8:20 Uhr, Nachricht in der Kampagnen Whatsapp Gruppe, dass Rider den vereinbarten Treffpunkt um 8 Uhr wohl nicht schaffen wird. 8:32 Uhr, Rider: Listas? (Seid ihr fertig?) Uff…

Mit etwas mehr als einer Stunde Verspätung treffen wir an der Produktion ein, um alles einzuladen. Dafür muss aufs Dach des Busses ein Metallträger angebracht werden. Obwohl es nicht die erste Kampagne mit diesem Bus ist, braucht diese Arbeit allerdings viel Bedenkzeit, 6 starke Männer, mangels Größe der starken Männer zusätzlich 4 Plastikstühle und einen weniger starken Mann auf dem Dach. Vor allem aber viel Coca und Cola, außreichend Pausen und zu allem Überfluss eine geschlossene Bustür. Hieß für Lisa und mich: Sauna im Bus, denn bei dieser Männerarbeit durften wir natürlich nicht mit anfassen, konnten uns aber von innen herrlich darüber amüsieren. Zweieinhalb Stunden später war dann alles verstaut und es ging endlich los… Mit dem Wetteinsatz, wir könnten zwischen 20 und 21 Uhr ankommen.

Eine sehr gemütliche Fahrt über die Buckelpisten und durch die Schlaglöcher von Santa Cruz. Nach 20 Minuten rief Lisa dann unglaublich happy: „Ich sehe Alphalt!“ Das war der Zeitpunkt, an dem ich die Augen schloss und … BAM! Bald von einem lauten Knall wieder geweckt wurde. Unsere Rückscheibe war komplett zersprungen und es klaffte ein Loch in der Mitte… Toll, darüber hatten wir vorhin noch gescherzt, da Autos mit Frischhaltefolie statt Scheiben gar keine Seltenheit sind.

Nach einer ausgiebigen Ansammlung Schimpfwörter vom Fahrersitz wurde entschieden, dass wir so nicht weiterfahren konnten, die Videokameras der nebenstehenden Tankstelle zeigten keine Ursache für das Loch und auch sonst wollte niemand etwas gesehen haben. Die Diagnose daher: Es war schon ein kleiner Riss im Glas, das Auto war falsch beladen und der Temperaturunterschied innen und außerhalb der Scheibe haben sie springen lassen. Lisa und ich wurden wieder nach Hause gefahren, in zwei bis drei Stunden würde eine neue Scheibe eingesetzt sein und wir könnten endlich los. Unterwegs verteilten wir noch viel Scheibe auf der Straße und im Auto…

Durchgeschwitzt vom ewigen im Auto sitzen während es nicht lief, ging es erstmal in den Pool und dann duschen, unsere Sachen haben wir gewaschen und uns Mittagessen gekocht. Die anderen, die wir am Morgen verabschiedet hatten trudelten von ihren Projekten ein und waren etwas verwirrt uns anzutreffen… Dann stand noch ein weiterer Snackeinkauf an, denn durch die Langeweile vom vielen Warten war quasi schon alles draufgegangen.

15:30 Uhr ging es wieder auf die Straße, 23,5h später als geplant und mit einer meiner Meinung nach recht provisorischen Heckscheibe. In der Reihe des Fahrers wurde Coca und Energydrink konsumiert ohne Ende, Lisa und ich hielten Schlaf für eine sinnvollere Beschäftigung. Die Blase von Rider ließ es allerdings nicht zu länger als eine Stunde ohne Pipi-Pause zu fahren und ab und zu musste mitten auf der Straße gehalten werden und kontrolliert werden, ob noch alle Kisten auf dem Dach da waren. Danach wird scheinbar traditionell gegen den rechten Vorderreifen getreten.

20:50 Uhr trafen wir in Camiri ein, wo wir eigentlich hätten übernachten sollen. 20:50 Uhr! Gilt die Wette jetzt als gewonnen, wenn man zur gewetteten Zeit auf halber Strecke ankommt und noch 5h Fahrt vor sich hat? Wobei 5h laut Google, wir brauchen 6h, da erst noch eine Pause und dann ein Abendessen eingelegt wird. Dann wird eine Unterkunft in Yacuiba geklärt… Fällt aber früh Auf, dass wir auch irgendwo schlafen müssen… Auf der Weiterfahrt nach wie vor zu viele Pinkelpausen, Polizeikontrollen (einmal sogar mit Alkoholtest) und andere mir nicht ganz erklärliche Stopps.

2:20 Uhr: Wir sind tatsächlich in Yacuiba angekommen und stehen vor einem Hostel. Der Besitzer nutzt die Situation und die Uhrzeit aus, um seinen zuvor am Telefon genannten Preis spontan zu verdreifachen. Er kommt damit durch, alle sind müde und wollen einfach nur endlich ankommen. Da ist es auch egal, dass die Zimmer ranzig sind und Lisa und ich nachdem wir den Ventilator anschalten erstmal 20 Minuten lang Staub durchs Zimmer fliegen haben… Am nächsten Tag soll um 7 Uhr gefrühstückt werden, also wird sich einfach auf das komisch gefleckte Bett gelegt und geschlafen… Womit auch diese wahrscheinlich unendlichste der Geschichten ein Ende findet. Kein Happy End, nein nicht mal ein zufriedenstellendes, aber ein Ende.

Veröffentlicht von lalenalapaz

Hi ich bin Lena, 18 Jahre und aktuell in Bolivien, wo ich ein FSJ in einem Kinderhort in La Paz mache. Außerdem versuche ich mir so viel wie möglich anzuschauen. Follow me around!!!

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